Die Essstörung loslassen – guter Vorsatz fürs neue Jahr?!?

In den 17 Jahren meiner Essstörung habe ich mir etliche Male als „guten Vorsatz fürs neue Jahr“ vorgenommen, diese im alten Jahr zu lassen, zu verabschieden. Jedes dieser Jahre habe ich mich erneut unter Druck gesetzt die Essstörung im alten Jahr zu lassen und im neuen Jahr frei davon zu leben. Jedes neue Jahr, in dem es nicht funktionierte, dass ich die Essstörung im alten Jahr zurück lassen konnte, machte ich mir selbst die meisten Vorwürfe. Sätze, wie „Du wirst das sowieso nie schaffen“, „Du hast es bisher nicht geschafft, als wirst Du es auch diesmal wieder nicht schaffen“ oder „Du hast es schon wieder nicht geschafft, wieso solltest Du es überhaupt einmal schaffen“, „Du wirst wahrscheinlich mit der Essstörung eines Tages sterben.“,….und da könnte ich jetzt noch ewig aufzählen. Was faktisch passierte ist, dass ich es nicht nur immer wieder „nicht schaffte“ mich von der Essstörung zu lösen, sondern dass ich mich selbst dafür auch noch runter zog.




Ich fühlte mich dann also im neuen Jahr immer noch viel schlechter, als das ich das alte Jahr verabschiedete. Die ersten Wochen des neuen Jahres waren vergangen und für mich war das neue Jahr eigentlich auch schon gelaufen. Meine inzwischen besten Freundin, die ich durch die Essstörung kennenlernen durfte (hier mal ein positiver Aspekt), erklärte mir es einmal so, dass es bei ihr immer so mit dem Monat war – wenn der neue Monat schon „essstörungsbehaftet“ war, war dieser eigentlich „schon gelaufen“ für sie und so ähnlich war es bei mir mit dem neuen Jahr dann auch.



Irgendwann erkannte ich, dass mich und so viele anderen Menschen auch, die sich „gute Vorsätze fürs neue Jahr“ nehmen, dass die Vorsätze eben auch immer bloß Vorsätze bleiben, weil uns diese unter Druck setzen und aus diesem Druck entsteht Angst, die Angst es wieder nicht zu schaffen, nicht genug dafür zu sein – Vorsätze, die uns eigentlich doch nur immer wieder klein halten oder durch die wir uns einreden, dass wir es eh nicht schaffen, wenn wir es einmal schon nicht geschafft haben.




Dann gab es ein Jahr, in dem ich mir wieder ein „Visionboard“ anfertigte, auf dem es aber nicht hieß „freu von der Essstörung“, sondern „ein gesundes Essverhalten“ und in dem ich mein Fokus nicht auf den „Kampf gegen die Essstörung“ legte, sondern indem ich mir vorstellte, wie ich ein Leben ohne die Essstörung führen würde. Wie es sich anfühlt meinen Fokus auf mein Leben, meine sozialen Kontakte, meine Interessen und Vorlieben, richten zu können und nicht den Fokus darauf zu haben, dass ich ein Mensch mit einer Essstörung bin, der die Essstörung endlich los haben möchte.



Das war den Moment, in dem ich mich nicht mehr unter Druck setzte, dies im neuen Jahr zu schaffen, sondern in dem ich mich tagtäglich mit dem geheilten Anteil verband und nein, ich konnte die Essstörung nicht im Januar, Februar oder März verabschieden…es erfolgte in Schritten, mal größer, mal kleiner und letztlich war ich im Mai / Juni soweit, dass ich sagen konnte ich habe einen Schlussstrich unter diesem 17 jährigen Kapitel gezogen – also mitten unterm Jahr – der Unterschied darin bestand, dass im Januar noch nicht das Jahr für mich „gelaufen“ war, als ich es nicht schaffte, sondern dass ich jeden Tag den glauben an mich und meine Fähigkeiten zurück fand.



Ähnliche Geschichte könnte ich jetzt noch zum Thema Rauchen schreiben, das ich nicht im Januar aufgeben konnte, wie es manch andere machen und sich die ersten Wochen im neuen Jahr quälen…ich gab nach rund 15 Jahre das Rauchen Mitte des Jahres – am 8. Juli auf – an diesem Tag rauchte ich meine letzte Zigarette und sie schmeckte mir so schlecht, wie meine Allererste und ich beschloss damit nicht wieder den Fehler, wie damals zu machen und einfach weiter zu rauchen, sondern setzte dem ein Ende und das fiel mir nicht einmal schwer. Mir das „abzugewöhnen“ war auch ein Prozess, der sich über mehrere Monate hinzog und vollzog sich erst dann, in dem ich mich nicht mehr unter Druck setzt

e.

Ich bin mir selbst für diesen Weg am aller dankbarsten und für all die Menschen, die ich auf meiner Reise treffen durfte – für all die Erfahrungen & Herausforderungen, denen ich begegnet bin, denn sie haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin – DANKE.

Und in diesem Sinne wünsche ich allen – ganz ohne Druck – ein gutes Verabschieden des alten Jahres – mit all seinen Höhnen & Tiefen, denn diese gehören zum Leben dazu.


Deine Tiziana



Zu diesem Blogartikel findest Du ein YouTube Video auf meinem Kanal:

https://www.youtube.com/channel/UCekob3C1ibXGn3F_fribtYw?view_as=subscriber

9 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen